Zwischen Unterhaltung und Blick über den Tellerrand | Berliner MieterGemeinschaft e. V.
Matthias Coers
Zwischen Unterhaltung und Blick über den Tellerrand
Der Filmrauschpalast in der Kulturfabrik – ein Kino für den Kiez
Interview mit Phil Marx
Titel
MieterEcho: Wie ist euer Kino entstanden?
Phil Marx: Der Filmrauschpalast hat seine Wurzeln in der Besetzung des Gebäudes durch Kulturschaffende vor knapp 30 Jahren. Ähnlich wie das Slaughterhouse als Musikclub, das Café und das Theater hat sich auch das Kino als Teil der Kulturfabrik etabliert. Seit 1991 ist es ein fester Bestandteil dessen, was heute die Kulturfabrik ausmacht.
Ihr seid ein Verein. Wie schafft ihr es, ein Kino für den Bezirk und die Menschen vor Ort anzubieten?
Unser Geschäftsmodell basiert hauptsächlich auf Kulturförderung und Preisen. Z. B. vergibt das Medienboard Berlin-Brandenburg jährlich den Kinoprogrammpreis an Programm- und Indie-Kinos. Zudem erleichtert uns der Vereinsstatus vieles, etwa bei Verleihkonditionen – durch die Gemeinnützigkeit können wir Rabatte erhalten. Auch die Einnahmen aus Eintrittsgeldern und Snacks sind wichtig. Alles wird ehrenamtlich organisiert – von den Schichten am Abend bis zur Programmgestaltung.
Wie sieht euer Programm aus?
Wir haben uns bewusst entschieden, nicht nur Mainstream-Filme zu zeigen. Wir sind aber auch bekannt dafür, dass bei uns der Ton manchmal ein bisschen lauter ist. Neben Actionfilmen bieten wir vor allem Independent- und Arthouse-Filme an, bei denen man Spaß haben kann und gleichzeitig einen kulturellen Gewinn erfährt.
Wie setzt sich euer Team zusammen?
Unser Team ist bunt gemischt, der Schwerpunkt liegt aber tatsächlich bei Studierenden. Ich selbst bin ein 40-jähriger IT-Administrator. Wir haben Mitglieder, die seit Jahrzehnten dabei sind, aber auch immer wieder neue. Allerdings haben wir aktuell ein Nachwuchsproblem, da viele weniger Zeit haben.
Welche Rolle spielt das Kino als Kulturort im Kiez?
Der Lehrter Kiez ist sehr aktiv, man kennt sich untereinander. Die Kulturfabrik und der Filmrauschpalast sind etablierte kulturelle Anlaufstellen. Als einziges Kino in Moabit haben wir eine besondere Verantwortung für den Stadtteil.
Neubauten, Drehkreuz Hauptbahnhof, Europa City – wie beeinflussen die Veränderungen euer Publikum?
Die Kulturfabrik zieht nicht viele Tourist/innen an, was auch an unserem bewusst urigen Erscheinungsbild liegt. Allerdings entdecken immer mehr Zugezogene aus den umliegenden Neubauten unser Kino. Manchmal gibt es jedoch auch Diskussionen mit neuen Anwohner/innen, etwa wenn unser seit Jahren beliebtes Open Air als zu laut empfunden wird – hier versuchen wir die verschiedenen Interessen zu berücksichtigen.
Wie blickt ihr in die Zukunft angesichts der allgemeinen Herausforderungen für Lichtspielhäuser?
Wir blicken positiv auf die kommenden Jahre. Aufgrund unserer Arbeitsweise und des nicht so hohen Kostendrucks können wir vieles abfedern. Kulturfabrik und Filmrauschpalast sind nicht nur anerkannte Kulturorte im Kiez, sondern auch auf der Ebene des Senats. Aktuell stehen wir vor den Herausforderungen einer größeren Sanierung, diese ist aber auch eine Investition in die Zukunft.
Wie ist die rechtliche Struktur der Kulturfabrik?
Das Gebäude gehört der Stadt Berlin, treuhänderisch der Gesellschaft für StadtEntwicklung. Ein Dachverein verbindet die eigenständigen Vereine im Haus. Über einen Selbstverwaltungsvertrag organisieren sie einen Großteil der Belange durch ihre Zusammenarbeit.
Spiegelt euer Publikum die Vielfalt Moabits wider?
Leider nicht vollständig. Migrantisches Berliner Publikum kommt eher selten, internationales aber durchaus. Wir spielen viele Originalfassungen und zeigen Filme z. B. aus dem asiatischen Raum. Das Kino hat ein stadtweites und ein Kiez-Publikum, zugleich könnten gerne aus der unmittelbaren Nachbarschaft noch mehr Menschen den Weg zu uns finden.
Was treibt euch dauerhaft an und was wünscht ihr euch für den Filmrauschpalast?
Unsere Filmliebe ist der Motor. Wir wollen großartige Filme zeigen und Menschen den Zugang dazu ermöglichen. Wir sind offen für alle und freuen uns besonders über neue Mitstreiter/innen, die Lust haben, mit uns in einem spannenden Stadtteil für die Filmkunst aktiv zu sein.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Matthias Coers.
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Phil Marx ist im Vorstand des Filmrausch Moabit e.V. und aktiver Teil des Kinobetriebs. Weitere Informationen: www.filmrausch.de