MieterEcho: In Ihrem Buch „Zweifach war des Bauens Lust“ beschreiben Sie auf anschauliche Weise die wechselvolle Geschichte der Architektur und des Bauens der DDR und danach und bereichern dieses mit Berichten und Anekdoten. Zu Ihrem 80. Geburtstag widmete Ihnen der Bezirk Marzahn-Hellersdorf eine Ausstellung gleichen Titels. Worin bestand denn diese Lust am Bauen und wo war sie größer, im Osten oder im Westen?
Wolf R. Eisentraut: Der Lustgewinn erwächst aus dem Schaffensprozess. Der Frust war in beiden Systemen vielleicht gleich. Im Osten durch Bevormundung aus strenger Baupolitik und Sparsamkeit, im Westen durch Gewinnmaximierung und Besserwisserei. Lust gewann ich aus dem schöpferischen Umgang mit diesen Bedingungen und dem Gestalten der Häuser und ganzer Wohngebiete nach meinen Vorstellungen. Alle Architekten kennen das. Das erforderte auch großen zeitlichen Einsatz, abends und nachts. Früh bin ich dann in mein Kollektiv. Im Osten arbeitete ich in einem großen volkseigenen Büro. Als wir Marzahn planten, arbeitete ich mit bis zu 80 Kolleginnen und Kollegen zusammen. Die wurden vom Staat bezahlt. Im Westen hatte ich ein Privatbüro als freier Architekt mit deutlich weniger Mitarbeitern, weil das Geld für die Gehälter erst einmal erwirtschaftet werden musste. In Marzahn bestand die Herausforderung darin, entgegen vorgegebener Gebäudetypen individuell standortbezogene Architektur zu machen – gegen die Typisierung, aber für das industrielle Bauen mit seriellen Bauelementen. Das kreative Verhandeln mit dem Auftraggeber ist auch im Westen geblieben. Beim Abriss Ost, der Wohnraum vernichtet und Wohngebiete gleichsam perforiert hat, habe ich eine Technologie entwickelt und mehrfach angewendet, die den geordneten Abtrag der oberen, zumeist leer gezogenen Geschosse unter bewohnten Bedingungen der unteren drei Geschosse nach straffem Zeitplan ermöglichte. Und mit den abgetragenen Elementen habe ich dann Einfamilienhäuser bauen lassen. Da war ich meiner Zeit voraus.
