Wer plant diese Stadt? | Berliner MieterGemeinschaft e. V.
Matthias Coers
Wer plant diese Stadt?
Impressionen von einer Konferenz in Gedenken an Hans Stimmann.
von Karin Baumert
Berlin
Hans Stimmann war in den 1990er Jahren in Berlin der Senatsbaudirektor. Die zwei Teile Berlins, Ost- und Westberlin, waren nach dem Fall der Mauer strukturell immer noch zwei eigenständige Städte. Aber Westberlin glaubte, nun auch in Ostberlin regieren zu dürfen. Ostberlin begann sich in Verlierer/innen und Gewinner/innen zu teilen. Die Verlierer/innen wussten es zum Teil noch nicht.
Westberlins Kreuzberg schickte über eine Demonstration auf dem Kurfürstendamm gute Wünsche nach Ostberlin: „Eure Zukunft macht die Deutsche Bank“. Aber die Ostberliner/innen kamen zum Shoppen auf den Kurfürstendamm, um das Begrüßungsgeld auszugeben oder sich die Wünsche in den Schaufenstern abzuholen, für die sie sich demnächst ausbeuten lassen werden oder selber ausbeuten.
So kam es, dass auch Investoren auf „Start“ gingen und die schönen freien Flächen begehrten. Zunächst rund um Berlin. Dort warteten viele Bauflächen auf sie. Daraus wurden schnell Entwicklungsgebiete. Die erste Stufe eines Bauturbos war gezündet. Wo die Gemeinde eigentlich für die technische Infrastruktur zuständig gewesen wäre, wurde nun über städtebauliche Verträge diese Last an die Investoren weitergegeben. Die Investoren übernahmen die Pflichten der Gemeinde nicht aus Gemeinnützigkeit. Aber es gab einen Bedarf an Ein- und Mehrfamilienhaussiedlungen. Mit dem Mauerfall hatte sich auch das Leitbild des Wohnens geändert. Segregationsprozesse in der Stadt, d. h. das Leben in der eigenen Einkommensklasse, begannen Fahrt aufzunehmen.
Glasfenster von Walter Womacka mit den Idealen eines verschwundenen Staates.
Foto: Matthias Coers
Nachdem der Baubedarf im Außenbereich gedeckt war, suchten Investoren Bauland in der Innenstadt. In dieser Situation schaffte Senatsbaudirektor Hans Stimmann ein Bild Berlins, das mit der Konferenz „Stimmanns Stadt, Werk und Wirkung“ Anfang September 2026 noch einmal gewürdigt werden sollte. Das Bild der europäischen Stadt, bzw. was Westberlin und dessen Eliten dafür hielten. Das Planwerk Innenstadt war geboren. In der Form eines Schwarzplanes wurden alle Baulücken ausgemalt und sowohl Traufhöhe als auch Parzellenstruktur festgeschrieben. Dieser Plan war nur ein Bild. Der Senat entwickelte dieses Bild völlig unabhängig vom Planungsrecht. Um dennoch eine Legitimation zu schaffen, wurde das Planwerk Innenstadt im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR in öffentlichen Fachkreisen diskutiert. Durch eine Initiative des Stadtplaners Harald Bodenschatz war das Staatsratsgebäude dem Abriss gerade von der Schippe gesprungen.
Umkämpftes Planwerk Innenstadt
Der Bezirk Mitte sah den Unsinn zunächst einmal nicht ein, denn hier liefen die ganz normalen Planungsverfahren, von der Bereichsentwicklungsplanung über Bebauungspläne bis zu einzelnen Baugenehmigungen. Damals nach § 34 BauGB, das heißt Baurecht im Sinne der Umgebung. Aber das Planwerk Innenstadt wollte eben eine schnelle Vermarktung der Bauflächen und begann damit den Kampf gegen die Ostberliner Moderne. Denn in Ostberlin, der Hauptstadt der DDR, war die Moderne fortgeschrieben worden. Man wähnte sich in der Tradition des Bauhauses. Deren Maßstäbe „Licht, Luft und Sonne“ waren die Grundlage für ein großzügiges Ostberliner Stadtzentrum rund um den Fernsehturm. Saß man auf den Treppen des Wasserspiels, den Fernsehturm im Rücken, den Palast in einiger Entfernung vor sich, dann konnten all die Träume von Frieden und Sozialismus die Mühen der Ebene überwinden und man konnte einen Augenblick in der zu Stein geronnenen Gesellschaftsutopie vom Aufbruch aus der Barbarei träumen.
Darstellung aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung.
Foto: Matthias Coers
Aber es war nicht nur dieser Blick und ein alter Traum der Menschheit, sondern auch die Hochhaussiedlung auf der ärmsten aller Berliner Inseln, der Fischerinsel, mit ihrem identitätsstiftenden Gebäude, dem Ahornblatt. Die DDR hatte mit industriellem Wohnungsbau nicht nur dort, sondern auch auf dem zweiten Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee, vom Strausberger Platz bis zum Alexanderplatz, mit seinen modernen Pavillons und dem Kino International, und anderswo Wohngebiete im Zentrum der Hauptstadt geschaffen. Genau das galt es zu verteidigen und brachte den Bezirk Mitte auf das Spielfeld der Gegner. Es galt die Idee des Wohnens für alle gegen die beginnende Segregation und das Marktprinzip des Bauens zu verteidigen. Es ging eben nicht nur um einzelne Bauten, wie das Staatsratsgebäude, das Außenministerium und den Palast der Republik.
Da den drei damaligen Stadtbezirken der Mitte das Planwerk vorab vorgestellt wurde, kam es dazu, dass der Plan vor dem offiziellen Start an die Presse durchgestochen wurde. Die Deutungshoheit lag ausnahmsweise einmal nicht in Westberlin. Aus gut unterrichteten Kreisen war damals zu hören, dass Hans Stimmann persönlich den Druck der Berliner Zeitung stoppte und Änderungen des Kommentars zum Planwerk einfügte. Es tobte der Klassenkampf.
Der Elefant im Raum
Zur Stimmann-Konferenz traf man sich nun wieder im Staatsratsgebäude. Mittlerweile studiert dort die zukünftige Elite in einer privaten Hochschule. Das Gebäude ist mit seinen Insignien der DDR-Macht denkmalwürdig saniert. Das große bunte Fenster von Walter Womacka, welches den Traum der Gründer/innen der DDR darstellt, wird heute als bloße Ironie der Geschichte kommentiert. Die glückliche Familie, der Arbeiter- und Bauernstaat aus den Ruinen aufgebaut. Die Zukunft ist friedlich. Weiße Friedenstauben vor gelben und blauen Farben flattern um die Wette.
Die Architektur von damals kann heutigen Ansprüchen genügen. In einem immer noch modernen Saal blickt man durch große Glasfenster auf den wieder aufgebauten Koloss des als Schloss gedachten und heute als Humboldtforum betitelten Kastens mit Kuppel samt reaktionärem Spruchband. Gut sichtbar auch die Einheitswippe, bzw. die Baustelle der zukünftigen Wippe ohne Wippe, denn die Firma, die die Wippe bauen sollte, ist insolvent. Und so sind wir auch schon mittendrin im Geschehen der gegenwärtigen Stadtentwicklung. Natürlich träumten nicht alle DDR-Bewohner/innen den Traum der Väter des Sozialismus, den Womacka so farbenfroh in Glas festhielt.
Friedenstauben als Anspruch einer Gesellschaft in Zeiten des Kampfes zweier Systeme.
Foto: Matthias Coers
Heute träumten wir nun an den zwei Tagen der Konferenz über die Schönheit, gar Anmut der europäischen Stadt. Keine Anekdote, die es noch wert wäre zu erzählen. Artig hört man vergangenen Kämpfen zu. Die Deutungshoheit liegt immer bei den Gewinner/innen. Zu kapitallastig das Publikum. Der Elefant im Raum, der Molkenmarkt. Damals ging es um die Moderne, den Palast, die Fischerinsel. Wer baut, entscheidet. Wer protestiert, war scheinbar abgehängt. Aber nicht mit Mike Davis an der Seite und seinem Buch „Planet of Slums“ in der Tasche. Denn wo bleiben die Wohnungssuchenden dieser Stadt? Eine Hand- voll Andersdenkender war auch auf der Konferenz. Mit ihnen die Geschichte Berlins als Geschichte der Westberliner Hausbesetzungen und Straßenkämpfe, der Ostberliner Moderne und einem Palast für alle und fast umsonst und einer Tradition des Wohnens in Ostberlin, wo das Menschenrecht auf Wohnen für alle realisiert war und eben nicht über den Markt und den Warencharakter der Wohnung gebaut wurde. Zwangsräumungen ohne Ersatzwohnung waren per Gesetz verboten.
So wird dann die Geschichte der europäischen Stadt nicht nur von milliardenschweren Akteuren bestimmt. All diese Geschichten des Widerstandes in Westberlin und der Utopie in Ostberlin materialisieren sich eben auch in den vielen Protesten. Der Palast ist abgerissen, das Ahornblatt auch. Was nun an deren Stelle steht, spricht für sich. Aber die Proteste bleiben, bis der Warencharakter dieser Stadt überwunden sein wird. Denn da sind auch noch die vielen kleinen Erfolge, das RAW-Gelände, das Tempelhofer Feld und „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“. Abends beim Empfang im Roten Rathaus: Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler (SPD) referiert seine Erfolge, alte weiße Männer hören ihm zu. Aber an einem Tisch wird schon über die Zukunft geplappert. Viel Wein und lustige Stimmung und ein Joint auf dem Nachhauseweg. Hey, morgen schau ich nochmal bei Womacka vorbei.