Vielen leidgeprüften Kunden der Berliner S-Bahn dürfte die Feierlaune in Bezug auf dieses Unternehmen wohl längst vergangen sein. Nicht so der S-Bahn selbst, denn die veranstaltete vom 8. bis 11. August eine dreitägige Feiersause, mit Festveranstaltungen, Sonderfahrten mit historischen Zügen, Ausstellungen, Stadtführungen und Zukunftsworkshops.
In der Tat markierte der 8. August 1924 eine Art Zeitenwende im Berliner Verkehrssystem. Denn da startete die Berliner S-Bahn auf zunächst einer Linie – zwischen Nordbahnhof und Bernau – den Regelbetrieb mit elektrisch betriebenen Fahrzeugen. Wobei der Beginn der Elektrifizierung vor 100 Jahren zwar ein wichtiger Meilenstein, aber keinesfalls der Beginn der Entwicklung dieses einstmals überall bewunderten Mobilitätskonzeptes war. Schon zuvor spielte die S-Bahn eine zentrale Rolle für die Infrastruktur der im Zuge der Industrialisierung boomenden Stadt. Es begann Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Ausbau des Fernverkehrsnetzes mit zusätzlichen Gleisen und neuen Haltepunkten. 1872 wurde schließlich die Ringbahn eröffnet, die den gesamten inneren Bereich des damals noch in zahlreiche selbstständige Gemeinden unterteilten Gebietes umschloss und viele Umsteigemöglichkeiten in die Vororte bot. 1877 folgte dann die Stadtbahntrasse. Die S-Bahn wurde zum infrastrukturellen Rückgrat der Gründung Groß-Berlins im Jahr 1920. Bereits 1923 beförderte sie über 500 Millionen Fahrgäste pro Jahr. Doch der für Ballungsräume ungeeignete Betrieb mit Dampfloks setzte ihrer Weiterentwicklung enge Grenzen. Die 1924 gestartete und 1930 weitgehend abgeschlossene Elektrifizierung der S-Bahn war schlicht eine Notwendigkeit, um die Mobilität in der boomenden Metropole zu gewährleisten. Berlin verfügte nun über eines der modernsten Nahverkehrssysteme der Welt. Und das sowohl technisch als auch infrastrukturell, denn die Verbindung aus Ringbahn, zentraler Stadtbahn und zahlreichen Außenästen war wirklich ein ganz großer Wurf. Es folgte der verheerende Zweite Weltkrieg, der besonders in den letzten Kriegsmonaten auch die S-Bahn beträchtlich in Mitleidenschaft zog. Die konnte allerdings relativ schnell ihren Betrieb Stück für Stück wieder aufnehmen, denn den Siegermächten war klar, dass ihr Funktionieren für den Wiederaufbau Berlins unerlässlich war. Daran änderte auch eine Skurrilität nichts, die durch den Viermächte-Status der Stadt entstand. Denn während sich die Verkehrsplanungen und die Infrastruktur im sowjetisch besetzten Ostsektor und in den Westsektoren zunehmend eigenständig entwickelten, verblieben sowohl das Eigentum als auch die Betriebsrechte der S-Bahn auch im Westen bei der Reichsbahn der DDR.


