„Sie sprachen Moabitisch“ | Berliner MieterGemeinschaft e. V.
„Sie sprachen Moabitisch“
Interview mit Ahmed Shah
Titel
Eines der drängendsten Probleme Berliner Jugendlicher griff das Theater X aus Moabit mit dem Stück „GentrifiHÄÄ???“ auf. Das seit über zehn Jahren aktive Theater ist immer nah am Puls der Zeit, allerdings aus der Perspektive junger Menschen überwiegend mit Migrationsgeschichte. Theater kann die Welt zwar nicht verändern, so Ahmed Shah, der künstlerische Leiter des Theaters, im folgenden Interview, aber es könne denen helfen, die sie verändern wollen.
MieterEcho: Ahmed, du hast pakistanische Wurzeln, bist in Großbritannien aufgewachsen und dann 1989 nach Deutschland gekommen und über Hamburg 2001 nach Berlin. Welche Ideen haben sich mit Berlin verbunden?
Ahmed Shah: Es war eigentlich nicht mein Plan, nach Deutschland zu gehen. Ich habe in Großbritannien Theaterwissenschaften studiert, was mich zu der Moderne in Deutschland und der Widerstandskultur der 1920er Jahre führte. Auf einer Reise nach Italien bin ich in Hamburg hängen geblieben. Dort war ich in den 90er Jahren politisch gegen das Anwachsen der rechten Republikaner aktiv. Berlin und die Punk-Bewegung hat mich schon vorher interessiert, wobei ich Westberlin zunächst durch einen Besuch in Ostberlin Ende der 80er Jahre kennenlernte, von wo aus ich einen Abstecher in den Westen gemacht habe. Umgezogen nach Berlin bin ich, als ich mich 2001 wieder stärker kulturpolitisch engagieren wollte.
Was hat dich dann ausgerechnet nach Moabit verschlagen, was ja nicht das kulturelle Aushängeschild Berlins darstellt?
Es war die Sehnsucht nach „Erdung“. Nach den Jahren der politischen Arbeit und in Abgrenzung zur „Bohème-Kultur“ in Kreuzberg wollte ich näher an die Probleme ran. Ich fragte mich, was wir heute im kulturellen Bereich lernen können aus der Zeit der Weimarer Republik. Wir leben heute unter anderen Bedingungen, mit einer neuen Arbeiterklasse mit einer großen Anzahl von Migrant/innen. Moabit schien mir sehr geeignet und ich fand eine Arbeit in einem Projekt der Kita „Olle Burg“ in der Waldstraße. Viele Drogen- und andere Probleme, ein „sozialer Brennpunkt“, wie es hieß. Ein vorheriger Sozialarbeiter sagte mir: Zeig nicht zu viel Empathie, das sind Perlen vor die Säue. Das sah ich ganz anders und habe angefangen, mit jungen Menschen aller Kulturen, aus Jugoslawien, arabischen und afrikanischen Ländern zu arbeiten. Nach den Anschlägen von 2001 gab es für viele Jugendliche sarkastisch gesagt zwei Optionen: „Gangster oder Terrorist“. In Gangs kamen sie zusammen, hier spielte die Herkunft keine Rolle, sie waren multikulturell und sie sprachen „Moabitisch“, eine Mischung aus Deutsch, Arabisch, Türkisch usw. Sie hatten alle kein Geld, um in die Innenstadt zu fahren, das war, was sie verband.
Inzwischen arbeitest du über zwanzig Jahre mit Jugendlichen in Moabit, wie begann die Theaterarbeit, was waren die ersten Erfahrungen?
Ich wurde irgendwann gefragt, ob ich mich um die Jugendlichen kümmern möchte und so begann ich nach der regulären Arbeit mit dem ersten Theaterprojekt, „Masken, Mauern, Menschen“. Dabei ging es darum, dass hier in Berlin eine Mauer verschwunden war und in Palästina eine gebaut wurde. Viele Jugendliche mit palästinensischen Wurzeln kannten die Geschichte nur aus Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern. Die Theaterarbeit ermöglichte neue Zugänge zur eigenen Geschichte, aber auch der jüdischen. In diesem Zusammenhang bekamen wir unter anderem Besuch von einer jüdischen Gruppe queerer Akademiker/innen aus Kanada, die Jiddisch sprach und begeistert war von dem „Moabitisch“. So ergab sich eine Ebene des Austauschs, hier „Moabitisch“ da „Jiddisch“, beides Sprachen, die mit Migrationsgeschichten zu tun haben. Mit den brennenden Problemen und dem Prozess der Bearbeitung sammelten sich bei den Jugendlichen Potenziale und Wissen, es entsteht eine organische Gegenkultur im Sinne der Konzeption des italienischen Kommunisten Antonio Gramsci.
Mit dem JugendtheaterBüro Berlin, aus dem das Theater X hervorging, ging es dann weiter und 2011 fand das erste Festiwalla im Haus der Kulturen der Welt statt, welches jungen Leuten eine Bühne zur Selbstrepräsentation bietet, zuletzt dieses Jahr in Kooperation mit der Volksbühne. Wie erklärst du diese Erfolgsgeschichte, quasi vom Moabiter Hinterhof auf die große Bühne?
Wir sind uns und der Bildung einer Gegenkultur als Teil des Widerstands treu geblieben und haben damit gleichzeitig unseren Anspruch an den Berliner Kulturbetrieb erhoben. Nach „Masken, Mauern, Menschen“ folgten im Rahmen des Jugendtheaterprojekts „Grenzen-Los!“ die Stücke „Intifada im Klassenzimmer“ und „Der Sprung“. Letzteres in Gedenken an die 2016 verstorbene Holocaust-Überlebende Hedy Epstein. So wurden sowohl die Nakba als auch der Holocaust von den Jugendlichen bearbeitet. Es geht darum, sich die Geschichte anzueignen, um die Gegenwart zu verstehen, um die Zukunft zu gestalten. So wie Hedy Epstein gesagt hat: „Erinnern ist nicht genug“. Zu dem Stück „Intifada im Klassenzimmer“ bekamen wir viel Zuspruch von der „Jüdischen Allgemeinen“ bis zum „Tagesspiegel“. Es handelt von einem jüdischen Mädchen und einem arabischen Jungen, von Rassismus und Antisemitismus sowie einer Welt voller Vorurteile. In dem Stück lösen sich diese Vorurteile auf. Die Bombendrohung im Stück ging nicht von einem arabischen Jugendlichen aus, sondern von einem Neonazi. Die positive Resonanz auf unser Projekt öffnete Türen. Mit dem Festiwalla eroberten wir weitere große Bühnen des Berliner Kulturbetriebs und mit dem Theater X haben wir uns 2015 einen eigenen Raum für Aufführungen geschaffen, unser eigenes alternatives CommUNITY-Theater.
Wie finden Jugendliche zu euch und was zeichnet eure Herangehensweise aus?
Früher kamen die Jugendlichen vor allem über unsere Straßenarbeit, heute häufig über unsere Stücke, in denen sich junge Zuschauer/innen wiedererkennen. Ein britischer Theatermacher hat mal formuliert: „Theater kann die Welt nicht verändern, aber es kann denen helfen, die sie verändern wollen.“ Und so wollen wir mit unserem Theater nicht indoktrinieren, sondern Geschichte zugänglich machen, was in den Schulen nicht mehr vermittelt wird. Wichtig ist das Lernen, nicht Belehren, nicht Erziehen, Schule schadet in dieser Hinsicht sehr häufig. In unserem CommUNITY-Theater übernehmen Jugendliche sowohl die Regie als auch die Dramaturgie und Technik. So entsteht gegenüber der vorherrschenden Kommerz- und Hochkultur eine Gegenkultur. Und diese entsteht mit einer Ästhetik, die sich aus dem Prozess entwickelt. Es können alle Fragen gestellt werden, alles kann ausprobiert werden, das gehört zum politischen Widerstand. Der Prozess muss revolutionär sein, sonst kommt nichts Revolutionäres raus. Selbstbestimmung und Selbstbefreiung zeichnen das Theater X aus, oder mit Bertolt Brecht: Spaß an der Selbstbefreiung und die Ketten brechen hören.
Das Theater X macht aus seiner politischen Haltung keinen Hehl: Das Thema Klassenkampf wird genauso wenig ausgespart wie der Krieg in Gaza oder die Aufrüstung. Woher kommen die Ideen?
Das Stück „GentrifiHÄÄ??? # GentriDichSelbst!!!“ zum Beispiel entstand vor dem Hintergrund, dass irgendwann vermehrt Hipster im Kiez auftauchten, es wurden neue Gebäude hochgezogen, sodass dahinter keine Sonne mehr schien. Durch die Verdrängung aus dem angestammten Wohnumfeld erfuhren die Leute hier unmittelbare Gewalt. Es passierte etwas mit dir, was du nicht mehr verstehst, woraus sich die Frage ergab, wo der Ursprung dieser Gewalt zu finden ist. Und aus der Beschäftigung mit dem Thema entstand 2015 das Stück GentrifiHÄÄ. Bei einem aktuellen Stück geht es um die Profiteure der derzeitigen Kriegseuphorie wie Rheinmetall und um die Verlierer der Rüstungs- und Kriegspolitik, die häufig im Globalen Süden zu finden sind. Wir sagen „Nein zum Krieg“ und wollen zeigen, dass die Kämpfe zu ihren Wurzeln zurückkehren.
Zu guter Letzt, was bedeutet eigentlich das „X“ in eurem Namen?
Das „X“ bezieht sich auf Malcolm X, der einen Sklavennamen nicht akzeptieren wollte. Seinen ursprünglichen kannte er nicht und dafür steht das „X“. Für uns bedeutet das „X“ einen Raum, um Geschichten zu erzählen, die nicht erzählt werden sollen. Wir lieben Theater und wollen unsere Themen von der Straße in die Theater tragen, wie dieses Jahr in die Volksbühne. Wir wollen den Kulturbetrieb herausfordern und wir wollen eine lebendige Gegenkultur in die Betriebe, die Schulen und auf die Straße tragen, denn diese Bewegung muss wachsen, es geht nicht nur um ein Projekt.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Hermann Werle.
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Ahmed Shah ist künstlerischer Leiter des Theater X. Weitere Informationen: www.theater-x.com