In deutschen Amtsgerichten dauert es im Schnitt nur 15 Minuten, bis über den Verlust einer Wohnung entschieden wird – mit weitreichenden Folgen für die Betroffenen. Unsere Beobachtungen im DFG-Forschungsprojekt „Zwangsgeräumt – Logiken, Praktiken und Vulnerabilitäten im Kontext von Entmietungspraktiken in Zeiten der Mehrfachkrise“ zeigen, wie kurz diese Verfahren sind und wie stark sie in das Leben von Mieter/innen eingreifen. Seit Anfang 2024 untersuchen wir, wie Gerichte, Vermieter/innen und Mieter/innen in diesen Prozessen agieren und welche Bedeutung sie für die Wohnungsfrage in Deutschland haben. Ziel des Projekts ist es, die bislang wenig beleuchteten Verhandlungen in Amtsgerichten zu dokumentieren und zu analysieren. Wir verfolgen dabei einen ethnographischen Ansatz: Wir beobachten Gerichtsverhandlungen, führen Gespräche mit Richter/innen, Anwält/innen, Mieter/innen und Gerichtsvollzieher/innen und werten Daten zu Räumungsklagen aus. Bundesweit werden laut Statistischem Bundesamt jährlich rund 50.000 Räumungsklagen eingereicht. 2023 kam es in Folge dieser Verfahren bundesweit zur Vollstreckung von 30.275 Zwangsräumungen. 2024 ist die Zahl nach Medienberichten auf rund 35.000 gestiegen. Besonders betroffen sind Ballungsräume: 1.695 Zwangsräumungen wurden 2023 in Köln gezählt. In Berlin waren es 2023 sogar 2.369. 2024 gab es mit 2.239 Zwangsräumungen zwar einen leichten Rückgang, aber noch immer ein alarmierend hohes Niveau. Unsere eigenen Datenerhebungen an vier Amtsgerichten deuten darauf hin, dass jede dritte Klage im Zusammenhang mit Mietschulden steht, während Eigenbedarfskündigungen insbesondere im Raum München zunehmen.
