Es folgten mehrere Zäsuren, die den Charakter des Stadtteils, der seit der Bildung Groß-Berlins 1920 als Ortsteil zum Bezirk Tiergarten gehörte, veränderten. Weltwirtschaftskrise, Faschismus, massive Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und schließlich die Teilung der Stadt im August 1961, durch die Moabit schlagartig vom Zentrum an die Peripherie Westberlins gedrückt wurde. Es begann eine Phase der Deindustrialisierung, denn viele große Betriebe verlagerten ihre Standorte nach Westdeutschland und wurden durch hochsubventionierte Firmen mit einfacher Wertschöpfung ersetzt. So bestand die Wiebestraße zeitweilig nur noch aus Zigarettenfabriken. Viele Moabiter/innen zogen weg, in die zunehmend verfallenden Quartiere zogen vor allem Gastarbeiter/innen, zumeist aus der Türkei. Von den großen Industriebetrieben ist nur noch das Gasturbinenwerk an der Huttenstraße übrig geblieben, das nach mehreren Umstrukturierungen seit einigen Jahren zu Siemens Energy gehört.
In den 1970ern und 1980ern gab es erste Bemühungen, den Verfall des Bezirkes aufzuhalten, etwa durch Sanierungsgebiete. Und auch für die alternative Szene wurde der allgemein eher wenig beachtete Bezirk aufgrund der sehr günstigen Mieten ein Anziehungspunkt. Attraktiv waren auch die Wohnlagen in Richtung Spree mit ihren vielen Gründerzeitbauten. Irgendwann entstand das Bonmot von der Teilung Moabits in Süd- und Nordkorea, mit der Straße Alt-Moabit als Demarkationslinie.
Die nächste Zäsur war dann die Wiedervereinigung Berlins, durch die Moabit wieder ins Zentrum der Stadt rückte, als Bindeglied zwischen der City-West und der City-Ost. Es begann eine massive Spekulations-, Aufwertungs- und Verdrängungswelle, die noch lange nicht beendet ist. Und die Trennung zwischen „Nord- und Südkorea“ verschärfte sich eher noch. Auf der einen Seite die aufwendig als Flaniermeile neugestaltete Spreepromenade und das komplett neu gestaltete alte Bolle-Areal mit Cafés, Geschäften, Event-Locations und Bürohäusern, auf der anderen Seite die immer noch recht marode alte Hauptgeschäftsstraße des Stadtteils, die Turmstraße.
Dazu kommen noch zwei neue, aus dem Boden gestampfte Stadtquartiere unweit des Hauptbahnhofs, die Europa-City und das Lehrter Stadtquartier, mit hauptsächlich hochpreisigen Wohnungen. Die Gründerzeitquartiere in Spreenähe waren schon seit längerer Zeit „bessere“, also auch teurere Wohngegenden. Doch längst tobt die Aufwertungswelle auch durch „Nordkorea“, wo durch den oft schlechten Zustand der Häuser enorme Wertsteigerungen durch aufwendige Modernisierungen und Umwandlungen in Eigentumswohnungen zu realisieren sind.
Die soziale Spaltung innerhalb Moabits ist enorm. Das zeigt ein Blick auf die 13 Planungsräume (PLR) des Bezirks, aufgeteilt in die Bereiche Moabit West und Moabit Ost. In Moabit West liegen die PLR Huttenkiez, Beusselkiez, Westhafen, Emdener Straße, Zwinglistraße und Elberfelder Straße, letztere bildet sozusagen das Herzstück „Südkoreas“. Die Diskrepanzen sind erheblich. So liegt dort die Arbeitslosenquote bei 4,1%, im Beusselkiez sind es 8,2%. Noch krasser sind die Unterschiede bei den Bezieher/innen von Transferleistungen. Deren Anteil beträgt im PLR Elberfelder Straße unter 10%, im PLR Westhafen sind es über 40%.
Ein ähnliches Bild bei der Kinderarmutsquote: Die liegt in den PLR Westhafen, Beussel- und Huttenkiez zwischen 53 und 65%, im PLR Elberfelder Straße bei 13%. Der Hutten- und der Beusselkiez sind zudem auch berlinweit Hotspots der Altersarmut. Der Anteil der Empfänger von Grundsicherung im Alter ist dort mit 22 bzw. 24% mehr als doppelt so hoch wie im Berliner Gesamtdurchschnitt. Weitere extreme Unterschiede zeigen auch die Daten zu Indikatoren wie Lebenserwartung, Gesundheitsstatus, Bildungsniveau, sozialer Status, Wohnraumversorgung (qm pro Person), und Wohnqualität (Lärm- und Luftbelastung).
Im Bereich Moabit Ost liegen die PLR Stephankiez, Heidestraße, Lübecker Straße, Thomasiusstraße, Zillesiedlung, Lüneburger Straße und Hansaviertel. Auch hier ein vergleichbares Bild. Besonders die PLR Zillesiedlung und Lübecker Straße rangieren bei fast allen Sozialindikatoren am unteren Ende, die PLR Thomasiusstraße, Hansaviertel und Lüneburger Straße am oberen Ende. Etwa beim Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Transferleistungsbezug: Lübecker Straße 46,7% und im unmittelbar angrenzenden PLR Thomasiusstraße 14,6%. Oder bei den Beziehern von Altersgrundsicherung: Zillesiedlung 28,7%, Thomasiusstraße 7,4%.
Seit vielen Jahren bemühen sich der Bezirk Mitte und verschiedene Träger mit Instrumenten wie Quartiersmanagement, Ausweisung von Milieuschutzgebieten, einer Vielzahl von Beratungs- und Begegnungsstätten, soziokulturellen Angeboten, Programmen zum Grünflächenmanagement und zur Einzelhandelsstruktur den Stadtteil Moabit weiter zu entwickeln. Doch auf die Verdrängungsprozesse hat das kaum Einfluss, eher im Gegenteil. Trotz aufwendiger Projekte zur Revitalisierung der Turmstraße als Geschäftsstraße mussten immer mehr kleine Fachgeschäfte schließen. Das mit großem Trara zu einer Shopping-Mall umgebaute Areal der alten Schultheiss-Brauerei dümpelt mit hohem Leerstand vor sich hin.
Aber es gab auch einige positive Entwicklungen. Die – wenn auch mit jahrelanger Verzögerung – fertiggestellte Verlängerung der Tramlinie M10 vom Hauptbahnhof bis zur Turmstraße verbessert die Anbindung Moabits an die Stadtmitte erheblich. Die im Herzen Moabits liegenden und lange Zeit verwahrlosten Grünanlagen Kleiner Tiergarten und Ottopark bieten nach umfangreicher Neugestaltung erheblich bessere Aufenthaltsqualität für die Anwohner/innen. Das gilt auch für den Fritz-Schloss-Park, der mit 12 Hektar größten Grünanlage Moabits, mit zahlreichen Sport- und Freizeitangeboten rund um das mitten im Park gelegene, ebenfalls aufwendig sanierte Poststadion. Auch der Ausbau der Rad- und Fußwege sowie der entsprechenden Grünflächen entlang der Spree sind ein großer Gewinn.
Doch das ändert nichts am Grundproblem Moabits und anderer innerstädtischer Bezirke. Es dominiert die kapitalistische Verwertungslogik. Ein wichtiger Faktor dabei ist das neue grüne Bürgertum, das seinen gehobenen „alternativen Lifestyle“ durchsetzen will. Gegen all das regt sich in vielen Teilen Moabits auch Widerstand. Aber der muss noch viel stärker werden.