Zur Zeit seiner Entstehung war Marzahn mit seinen sieben Wohngebieten und fast 60.000 Wohnungen für 150.000 Einwohner/innen die größte zusammenhängend geplante und überdies modular einheitlich nach dem Baukastenprinzip gestaltete Wohnsiedlung Europas. Der Anspruch war, einen räumlich ausgedehnten, komplexen Siedlungszusammenhang als städtebauliches Ensemble erkennbar zusammengehörig zu gestalten. Insgesamt sollten im Berliner Nordosten 250.000 Menschen neu angesiedelt werden. Im Vergleich zum benachbarten Hellersdorf oder Hohenschönhausen kommt Marzahn eine hervorgehobene Bedeutung zu, weil sich hier historisch noch einmal die Chance öffnete, eine gesellschaftspolitische Zielstellung in modernen urbanen Formen gebührend zu feiern. Das politische Ziel, um jeden Preis Wohnungen zu schaffen, traf auf den weit grundsätzlicheren Anspruch, durch Vergesellschaftung und Neuorganisation der Lebensweise mehr Zeit zur freien Verfügung für alle zu gewinnen. Mit „Wohlstand ist nichts anderes als Gewinn an persönlicher Lebenszeit“ könnte man mit Karl Marx das kulturelle Ziel des Kommunismus beschreiben. Das ganze Verhältnis von Männern, Frauen, Kindern, Tieren und Maschinen, von Häuslichkeit und Weltlandschaft, war aufgerufen. Die Lösung der Wohnungsfrage als sozialem Jahrhundertproblem und die Begründung einer anderen Landschaft sind Marzahn als primärer Begründungszusammenhang eingeschrieben. Jedenfalls hatte der VIII. Parteitag der SED 1971 die Lösung der vor allem in Berlin gravierenden Wohnungsnot zum „Herzstück der Wirtschafts- und Sozialpolitik“ erklärt und Marzahn spiegelt den dabei auftretenden Zielkonflikt planungsgeschichtlich eindrucksvoll wider. Geplant war eine neue Stadt, die als markante großplastische Form, als ein topographisch definiertes Siedlungsband von Süden nach Norden hin der schönen Landschaft bei den Ahrensfelder Bergen zustrebt. Anhaltspunkte waren zwei Berge von bis zu 100 Metern Höhe, die Wuhle, ein kleiner Fluss mit sumpfigen Feuchtgebieten und Ackerland mit zahlreichen eiszeitlichen Pfuhlen. Wie das namensgebende Dorf Marzahn sollte auch die entstehende Großsiedlung einen ausgeprägten Anger haben, eine Almende als gesellschaftlichen Mittelpunkt. Die gesellschaftlichen Knotenpunkte und Nebenzentren wurden als Tore, Foren, Promenaden akzentuiert, durch Hochhäuser und die zentrale Parkanlage von halbwegs mäandernden elfgeschossigen Wohnscheiben gefasst. Deutlich erkennbar dominiert im Ausgangsplan die Idee, vor allem die landschaftliche Lage zur Identitätsbildung zu nutzen und städtebaulich mit einer ausdrucksstarken urbanen Großfiguration zu beantworten. Jeder Pfuhl oder Fließ gibt Anlass für eine neue Raumbildung und sozialräumliche Typologie. Dieser stadtlandschaftlich definierte Städtebau, bei dem Wohnwände vor dem Abendhimmel wie dunkle Bergrücken und Hochhäuser wie Felsen wirken, setzt Abstand und großzügige Weitwinkelperspektiven voraus. Sie vermittelt sich weder dem Autofahrer auf den Magistralen, noch dem Spaziergänger im Marzahner Dschungel. Sie ist exklusiv für die Inhaber der Loggienplätze und Wohnzimmerfenster über dem vierten Stockwerk gemacht, und auch nur da wirksam, wo die Räume offen zur Landschaft und nicht verkammert und hofartig geschlossen sind. Dieses landschaftliche, aus Prinzip schrankenlos offene, weiträumige und von vertikalen Bauten bekrönte Stadtideal, hat von Anfang an seinen Kontrapunkt in den Kennziffern und Typologien der Dichte. Auf dem Höhepunkt der alles verändernden Ölkrise, von der die DDR anfänglich profitierte, weil sie das sowjetische Öl teuer weiterverkaufen konnte, zerbricht die ökonomische Basis für das harmonisierende Wohnungsbauprogramm. Im Ergebnis änderten sich die urbanistischen Leitvorstellungen signifikant. Das brachte die Stadtwerdung Marzahns an einen Zerreißpunkt, der für das Verständnis alles Folgenden und als strategische Konsequenz für die Zukunft benannt werden muss.
