In einer Pressemitteilung berichtete das Statistische Bundesamt Mitte Mai, dass die Überbelegung von Wohnraum in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen ist (von 10,2% in 2020 auf 11,7% in 2025). Mieter/innen in Berlin oder einer anderen deutschen Großstadt wird dies wenig überraschen, denn dass angesichts des wachsenden Wohnungsmangels und der Mietentwicklung die Wohnenden immer stärker zusammenrücken müssen, erscheint da unumgänglich.
Als eine der Ursachen für die unzureichende Wohnungsversorgung und eine Möglichkeit ihrer Verringerung wird häufig auf die gleichfalls existierende Unterbelegung verwiesen. Vom Deutschen Institut der Wirtschaft (IW) wird sogar behauptet, Unter- und Überbelegung seien quantitativ in etwa gleich groß. Auch eine für die Unterbelegung hauptsächlich verantwortliche Bevölkerungsgruppe wurde schnell gefunden: die Älteren.
Das hat schnell Anklang gefunden. Scheint es doch mit der Alltagserfahrung übereinzustimmen. Haushalte in für Familien geeigneten Wohnungen verkleinern sich, etwa durch Auszug der Kinder und/oder durch Tod der Ehepartner/innen. Die Zurückbleibenden behalten dann die vertraute, aber jetzt sehr große Wohnung, auch weil sie angesichts eines alten Mietvertrags eine vergleichsweise geringe Miete zahlen müssten, und eine kleinere Wohnung angesichts der hohen Neuvermietungsmieten in der Regel teurer wäre. Dass dies dann von interessierter Seite zum Angriff nicht nur auf das Vergleichsmietensystem mit dem Mietspiegel, sondern auf jede Mietenregulierung genutzt wird, ist wenig erstaunlich. Mit diesem Sündenbock in der Hinterhand muss man sich keine Gedanken über die wahren Ursachen der unzureichenden Neubauzahlen, der hohen Neuvermietungsmieten und speziell der hohen Überbelegungsquote bei Familien mit Kindern machen.
Bei genauerer Betrachtung stellt sich das Problem Über-/Unterbelegung allerdings ganz anders dar, und die Verursacher sind keineswegs überwiegend die Alten. Eine Auswertung der aktuellsten Daten zu den Wohnverhältnissen, dem Mikrozensus Wohnen 2022 (der alle vier Jahre erhoben wird) speziell für Berlin, sowie weitere Erhebungen zur Wohnsituation in der Berliner Innenstadt zeigen, dass eine deutliche Verringerung der Unterbelegung wegen des Mangels an kleinen Wohnungen (1 und 2-Zimmer) gar nicht möglich wäre.

