Zeitungen und Zigaretten werden hier schon längst nicht mehr verkauft – im Kiosk an der Ecke Hasenheide/Hermannplatz, vis-à-vis eines Seiteneingangs mit Resten der historischen Fassade des Originalbaus des legendären Karstadt-Warenhauses an der Schnittstelle von Kreuzberg und Neukölln.
Das Büdchen aus Holz und Wellblech – etwas verwittert, leicht windschief, aber standfest – wird seit rund drei Jahren von Aktivist/innen der Initiative Hermannplatz betrieben, als „Protest-Kiosk“. Gründe zu protestieren gibt es viele. Einer steht auf einem der Plakate an der linken Budenseite, die Botschaft: „Kein Abriss, keine Aufwertung, keine Verdrängung“. Denn Gentrifizierung bedeutet: „Die Mieten steigen weiter, Du musst weg.“ Daneben das Logo der Ini: Eine Gestalt verschmilzt mit dem Kaufhausabbild zur comicartigen Figur, hüft- und brusthoch ragen muskulöse Arme aus der Fensterfront, Fäuste sind geballt, dazu der Schriftzug „Karstadt erhalten“. Sicher ist das nicht. Neues an alter Stelle sollte entstehen, angelehnt an den kriegszerstörten, imposanten Warenhausbau von Ende der 1920er Jahre. Dem damals größten, modernstem Einkaufszentrum Europas mit Rolltreppen, Aufzügen und U-Bahn-Anbindung mit direktem Zugang zum Gebäude. Ein Prestigeobjekt, genau richtig für den österreichischen Immobilienhai René Benko und dessen Signa-Imperium, einem seit mehr als einem Jahr insolventen Firmengestrüpp hunderter Tochtergesellschaften. Hohe Zinsen, hohe Baukosten, niedrige Renditen und unruhige Gläubiger zwangen Benko in die Knie – und nun droht dem Tiroler Bankrotteur nach einem bislang nicht vollstreckten Haftbefehl aus Italien auch noch Knast. Die Staatsanwaltschaft in Trient ermittelt wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung, Manipulation von Ausschreibungen, Korruption und Betrug.
