Marzahn, die Perle der Ostmoderne: Hier wurde der moderne sozialistische Städtebau der DDR ab den späten 1970er Jahren vorausgedacht und ausgestellt. Am Helene-Weigel-Platz entstanden fast schon luxuriöse Hochhäuser, mit Schwimmhalle und Bibliothek direkt vor Ort. Doch seit Jahren tobt ein großer Streit um die Leerstände, etwa das Kino Sojus, einst Teil des städtebaulichen Gesamtkonzepts als Raum für Unterhaltung und Austausch. Auch in Marzahn-Mitte hat sich die Nutzung der Gewerberäume im Erdgeschoss der Marzahner Promenade stark verändert, und die ältere Generation ringt bis heute um ihre geliebte Flaniermeile. Die Zukunft des modernen Städtebaus wird hier am offenen Herzen verhandelt, weil die Großsiedlung gerade wegen der integrierten Infrastrukturen zur sozialen und kulturellen Versorgung der Menschen im Quartier so attraktiv geplant wurde. Im Kontrast dazu lassen sich die leeren Versorgungseinrichtungen in Marzahn-Hellersdorf heute kaum noch zählen. Überall da, wo die DDR für die Nachbarschaft sogenannte Versorgungswürfel vorgesehen hatte, spekuliert heute ziemlich sicher irgendein Investor mit der Fläche. Ob Eichen-Center, Marktplatz-Center und Helle Mitte, ob Tal-Center oder Kleeblatt-Passage – überall stehen diese Räume leer. Ausgerechnet die Versorgungswürfel in den Quartieren der Großsiedlung sollen jetzt überbaut werden und Orte für noch mehr Wohnraum sein. Die Versorgung der Menschen mit Ärzt/innen und Apotheken oder mit Restaurants, Kneipen und Kulturorten – Fehlanzeige. Stattdessen sollen die Flachbauten zwischen den Hochhäusern aufgestockt werden und damit Licht, Luft und Sonne für alle verschwinden. Dass das Freiheitsversprechen des modernen Städtebaus in der DDR einst ein demokratisches Raumversprechen für gleichwertige Wohnverhältnisse und das gute Leben für alle war, wird offenkundig verdrängt. Wenn heute die Nachbarschaften vom Kastanien-Boulevard bis zur Hohensaatener Straße stocksauer sind, dann weil sie sich betrogen und beraubt fühlen, und zwar gleich mehrfach. Zu offensichtlich ist hier das politische Versagen im Bereich der Wohnraumversorgungspolitik, und die Anwohner/innen, viele davon „Erstbezug“, müssen diese historische Farce miterleben. 1971 beschloss die Volkskammer der DDR, das Wohnungsproblem bis 1990 zu lösen, unter anderem mit dem Bau der Vorbildsiedlung Marzahn, und wer hier Wohnraum ergatterte, war ein Glückspilz. Mit der politischen Wende 1990 zogen aber Tausende weg. Der Wohnraum blieb leer und wurde nach der Jahrtausendwende im Rahmen des Programms Stadtumbau-Ost tausendfach abgerissen. Nur zehn Jahre später wurde wieder Wohnungsnot für Berlin festgestellt und Marzahn-Hellersdorf sollte Platz machen für Neubauten. Seit 2016 werden wieder neue Wohnungen geplant und gebaut. Auch Schulen sollen wieder an Orte gebaut werden, wo sie vor 20 Jahren abgerissen wurden. Das alles allerdings zu deutlich höheren Preisen via Schulbauoffensive, privater Wohnungswirtschaft und Landeskrediten.
