Gute Löhne und bezahlbare Mieten | Berliner MieterGemeinschaft e. V.
Eyfel Marmaris, Privat
Gute Löhne und bezahlbare Mieten
Interview mit den Betriebsräten Yilmaz Orhan und Enrico Wiesner zu Wohnungskrise und Arbeitswelt.
Titelthema
MieterEcho: Wie betreffen die Wohnungskrise und die hohen Mieten Sie oder Ihr persönliches und betriebliches Umfeld?
Enrico Wiesner: Seit Januar bin ich verheiratet, für zwei Leute reicht die Wohnung noch. Wenn dann Nachwuchs kommt, nicht mehr. Es ist halt nicht fair, wenn man mehr als 25-30% des Einkommens für die Miete ausgibt, was eigentlich auch schon sehr viel ist.
Yilmaz Orhan: Die Wohnungsfrage betrifft viele Kolleg/innen unmittelbar. Die Mieten steigen seit Jahren deutlich stärker als viele Einkommen.
Eine DGB-Jugendumfrage kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass viele Auszubildende den Wohnungsmangel und die hohen Mieten als eines der größten Probleme ansehen. Spüren Sie diese Problemlage im Betrieb, z. B. durch Anfragen, Diskussionen oder den Mangel an Fachkräften oder Auszubildenden?
Y.O.: Die Wohnungskrise wirkt sich direkt auf die Arbeitswelt aus. So lehnen Fachkräfte Stellenangebote in teuren Regionen ab, Auszubildende finden keine bezahlbaren Wohnungen und Beschäftigte müssen lange Pendelwege in Kauf nehmen. Die Belastung durch hohe Wohnkosten erhöht den Druck auf Lohnforderungen, und Unternehmen haben Schwierigkeiten bei der Personalgewinnung. Durch all dies wird die Wohnungsfrage auch zu einer wirtschaftlichen Frage.
E.W.: Dass wir jetzt weniger Auszubildende haben, das wüsste ich nicht. Aber zu jeder Tarifverhandlung gibt es eine Befragung, in der letzten war Wohnen eines der Top-Themen. Also alles, was die Preise treibt, Sprit kommt da dann auch noch mal oben drauf, wenn man einen weiten Fahrtweg hat.
Wie wird das Thema Mieten bzw. Mietsteigerungen bei Ihnen im Betrieb und unter Kolleg/innen diskutiert?
E.W.: Ich kenne sehr viele Kolleg/innen, die deutlich über eine Stunde pro Richtung pendeln, damit man zu einem Preis wohnen kann, der vertretbar ist. Und das hat natürlich Auswirkungen, z. B. auf die Arbeitssicherheit. Umso früher du aufstehst, umso weniger schläfst du, umso gestresster kommst du auf der Arbeit an. Y.O.:Die Wohnungskrise ist inzwischen ein zentrales sozialpolitisches Thema. Im Betrieb wird regelmäßig darüber gesprochen. Viele Kolleg/innen berichten von steigenden Mieten, Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche oder langen Arbeitswegen. Besonders betroffen sind junge Beschäftigte, Auszubildende, Alleinerziehende und Familien. Für viele ist die Frage nach bezahlbarem Wohnraum mittlerweile genauso wichtig wie die Frage nach dem Lohn.
„Gewerkschaften, Betriebsräte, Mieterinitiativen und Politik müssen gemeinsam Lösungen entwickeln, damit Wohnen wieder bezahlbar wird und Menschen von ihrer Arbeit gut leben können.“ Yilmaz Orhan
Foto: Eyfel Marmaris
Reichen die Löhne und Ausbildungsvergütungen für die Miete und Nebenkosten, bzw. geht zunehmend mehr Geld für die Wohnkosten drauf?
Y.O.: Ein immer größerer Teil des Lohns muss für die Miete aufgewendet werden. Für Familien bedeutet das oft Verzicht an anderer Stelle, die Verschiebung wichtiger Lebensentscheidungen wie Familiengründung oder Umzug in eine größere Wohnung. Als Gewerkschafter sehe ich, dass steigende Löhne zwar wichtig sind, aber ein erheblicher Teil dieser Verbesserungen durch steigende Wohnkosten wieder aufgezehrt wird.
E.W.: Dass wir zum Warnstreik aufrufen und sagen, wir fordern jetzt bezahlbare Mieten, das können wir nicht machen, also so eine ganz klare Verknüpfung. Es geht eher darum, das Entgelt zu erhöhen, dass die Menschen sich ein gutes Leben leisten können.
Welche Probleme auf dem Wohnungsmarkt müssten aus Ihrer Warte vordringlich angegangen werden?
Y.O.: Die größten Probleme sind der Mangel an bezahlbarem Wohnraum und ein zu geringer sozialer und kommunaler Wohnungsbestand. Gründe hierfür sind der Wegfall von Sozialwohnungen durch auslaufende Bindungen, und zu wenig Neubau im bezahlbaren Segment. Das liegt auch an den hohen Boden- und Grundstückspreisen und der Spekulation mit Wohnraum als Renditeobjekt. Wohnen ist aber ein Grundbedürfnis.
E.W.: Ein Kollege hatte eine Eigenbedarfskündigung. Er ist vor Gericht gegangen und konnte die Wohnung dann behalten, aber es stand auf der Kippe. Ich kenne viele Kolleg/innen, die in einer Genossenschaft sind. Die sind damit recht zufrieden, da können sie auch mitentscheiden.
Die Berliner MieterGemeinschaft fordert die Ausweitung des öffentlichen Wohnungsbestandes, sowohl durch Enteignung wie auch durch kommunalen Wohnungsbau. Wie stehen Sie dazu?
Y.O.: Aus gewerkschaftlicher Sicht braucht es deutlich mehr öffentlichen Einfluss auf den Wohnungsmarkt. Dazu gehören die Stärkung kommunaler Wohnungsunternehmen, massiver Neubau von Sozialwohnungen mit dauerhafter Sozialbindung. Ebenso der Ankauf von Wohnungsbeständen durch Kommunen, und in bestimmten Fällen auch Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände, sofern dies rechtlich möglich und demokratisch legitimiert ist. Das Ziel sollte sein, Wohnraum dauerhaft bezahlbar zu halten und ihn der kurzfristigen Renditelogik zu entziehen.
„Es ist halt nicht fair, wenn man mehr als 25-30% des Einkommens für die Miete ausgibt, was eigentlich auch schon sehr viel ist.“ Enrico Wiesner
Foto: Privat
E.W.: Unter Vertrauensleuten und Interessierten wird diskutiert, ob nicht die Wohnungsgemeinnützigkeit wieder gefördert werden sollte. Wir fordern auch die Ausweitung des kommunalen Bestandes, jenseits einer Förderlogik, die nach 20 Jahren dann alles wieder dem Markt übergibt. Aus meiner Sicht ist es ein öffentliches Interesse, Wohnraum bezahlbar zu machen, auch über Enteignung, man kauft das ja ab, man enteignet ja nicht wirklich.
Beteiligen Sie sich an Protesten gegen die Wohnungskrise? Könnte man Kämpfe im Betrieb, wie Lohnkämpfe, mit Mietenkämpfen zusammenbringen?
Y.O.: Viele Gewerkschafter/innen engagieren sich in Mieterinitiativen, Bürgerbündnissen oder bei Demonstrationen für bezahlbares Wohnen. Das ist naheliegend, weil die Interessen von Beschäftigten und Mieter/innen häufig dieselben sind: ein gutes Leben von der eigenen Arbeit finanzieren zu können. Die Beteiligung ist jedoch eine individuelle Entscheidung und hängt von den jeweiligen örtlichen Initiativen und persönlichen Möglichkeiten ab.
Lohn- und Mietfrage gehören eng zusammen, da jede Lohnerhöhung an Wirkung verliert, wenn gleichzeitig die Wohnkosten stark steigen. Deshalb sollten Gewerkschaften, Betriebsräte und Mieterorganisationen stärker zusammenarbeiten. Mögliche Ansätze dafür sind gemeinsame Aktionen und Veranstaltungen, öffentliche Kampagnen für bezahlbaren Wohnraum, Unterstützung von Auszubildenden und jungen Beschäftigten bei der Wohnungssuche und politischer Druck für mehr sozialen Wohnungsbau. Die Forderung nach guten Löhnen sollte mit der Forderung nach bezahlbaren Lebenshaltungskosten verknüpft werden.
E.W.: Am 26. September zum Beispiel gab es eine Demonstration, die wurde vom DGB organisiert, und da ging es um den Abbau des Sozialstaats. Die Kämpfe zusammenzubringen ist ein hehrer Wunsch. Ich habe, aufgrund der Arbeit, die ich mit Energie mache, mit Fridays for Future was zur Energiewende gemacht. Das hat halbwegs funktioniert, die unterschiedlichen Milieus wurden aber sehr deutlich. Den klassenbewussten Arbeiter, der sich auch in seiner Nachbarschaft einbringt, den gibt es immer weniger.
Für Aufrüstung stellt die Bundesregierung gigantische Mittel bereit. Auf der anderen Seite wird an der sozialen Daseinsvorsorge, zu der wir auch die bezahlbare Wohnraumversorgung zählen, gespart. Wie sehen Sie das?
Y.O.: Aus gewerkschaftlicher Sicht stellt sich grundsätzlich die Frage, wie öffentliche Mittel eingesetzt werden. Bereiche wie Wohnungsbau, Bildung, Gesundheit, Infrastruktur und soziale Sicherheit sind wichtige Bestandteile der öffentlichen Daseinsvorsorge. Viele Gewerkschafter/innen vertreten die Auffassung, dass ausreichende Investitionen in diese Bereiche notwendig sind, damit gesellschaftlicher Zusammenhalt und soziale Sicherheit gewährleistet werden. Gleichzeitig gibt es unterschiedliche politische Einschätzungen darüber, wie staatliche Ausgaben zwischen Sicherheitsaufgaben und sozialen Aufgaben verteilt werden sollten.
Meine persönliche Position als Gewerkschafter wäre: Soziale Daseinsvorsorge darf nicht gegen andere politische Ziele ausgespielt werden. Bezahlbarer Wohnraum, gute Bildung, Gesundheitsversorgung und sichere Arbeitsplätze müssen hohe Priorität haben, weil sie das tägliche Leben der Menschen unmittelbar betreffen.
Das Interview führten Hermann Werle und Andreas Hüttner.
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Yilmaz Orhan ist Betriebsrat bei der Siemens AG Berlin. Er hat den Beruf des Zerspanungsmechanikers erlernt und ist seit 39 Jahren bei der Siemens AG beschäftigt.
Enrico Wiesner ist seit seiner Ausbildung zum Industriemechaniker 2011 bei Siemens Energy beschäftigt, dort ist er auch Betriebsrat.