Es braucht kollektiven Widerstand | Berliner MieterGemeinschaft e. V.
Es braucht kollektiven Widerstand
Im Oktober startet das neue Wintersemester. Die prekäre Lage auf dem studentischen Wohnungsmarkt hat sich weiter verschärft.
von Tom Küstner
Titel
Die deutsche Hauptstadt Berlin, einst bekannt für ihre erschwinglichen Lebenshaltungskosten, hat sich in den letzten Jahren zu einem der dynamischsten und teuersten Immobilienmärkte weltweit entwickelt. Diese Entwicklung hat weitreichende Folgen für die gesamte Bevölkerung, trifft aber Studierende in einer Weise, die ihre Lebensgrundlagen und ihr Wohlbefinden massiv beeinträchtigt. Trotz der offensichtlichen und tiefgreifenden Auswirkungen dieser Krise auf die Studierendenschaft ist das Ausmaß des organisierten Protests an den Universitäten bemerkenswert gering.
Der Berliner Wohnungsmarkt ist durch ein extremes Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage gekennzeichnet, insbesondere in den bei Studierenden beliebten Stadtteilen. Dies führt zu einem erhöhten Wettbewerb und stetig steigenden Mieten. Seit 2006 sind die Mieten für studentisches Wohnen in Berlin um 140 bis 300% gestiegen. Die durchschnittliche Miete für ein möbliertes Zimmer liegt zwischen 700 und 1.000 Euro. Für viele bedeutet dies, dass sie bis zu 80% ihres monatlichen Einkommens für die Miete aufwenden müssen.
Die Stadt benötigt schätzungsweise 222.000 neue Wohnungen bis 2040, um das erwartete Bevölkerungswachstum und den chronischen Mangel zu decken. Im Jahr 2024 wurden jedoch nur 15.425 neue Wohnungen fertiggestellt, womit das Ziel von 20.000 pro Jahr – das sich der Senat selbst gesteckt hat – deutlich verfehlt wurde. Die Situation in den Wohnheimen für Studierende ist ebenfalls kritisch: Über 4.600 Personen standen im vergangenen Jahr zu Semesterbeginn auf der Warteliste, mit Wartezeiten von mindestens drei Semestern. Nur 5% der Berliner Studierenden leben in Wohnheimen, was weit unter dem Bundesdurchschnitt von 10% liegt. Private Anbieter erhöhen ihren Marktanteil, wobei ein erheblicher Teil der neuen Studentenwohnungen deutlich über 500 Euro pro Monat kosten wird und nur 19% unter 450 Euro liegen. Dies macht bezahlbare Optionen zunehmend unerreichbar.
„Immobilienkapital kills Zukunft“
Das Moses-Mendelssohn-Institut hat zuletzt am 10. März 2025 unter dem Titel „Neue Zahlen zu studentischen Wohnkosten - Sommersemester 2025“ Auswertungen zum studentischen Wohnen veröffentlicht. Demnach lagen bundesweit die durchschnittlichen Wohnkosten für Studierende mit eigenem Haushalt bei 493 Euro. Eine Steigerung von 0,9% zum vorherigen Semester bzw. 2,8% zum Vorjahr.
Die BAföG-Wohnkostenpauschale wurde zu Beginn des letzten Semesters zwar von 360 auf 380 Euro erhöht. Doch nur in 23 von 88 ausgewerteten Städten sind überhaupt gewöhnliche Zimmer zu diesem Preis verfügbar.
Zu dem Ergebnis, dass der BAföG-Wohnkostenzuschlag kaum ausreichend ist, kommen auch die Autor/innen des MLP-Studentenwohnreport 2025, der von der Finanzberatung MLP in Zusammenarbeit mit dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) am 25. September 2024 veröffentlicht wurde. Sie stellen fest, dass Mietpreissteigerungen seit der Corona-Pandemie wieder deutlich an Dynamik gewonnen haben und bundesweit mit durchschnittlich 5,1% deutlich stärker gestiegen sind als übrige Verbraucherpreise mit 2,2%.
Dabei ist die Entwicklung der Miethöhen regional sehr unterschiedlich. Mit über 9% waren die Steigerungsraten in Berlin (9,4%) und Leipzig (9,3%) besonders hoch. In Würzburg und Tübingen wurden die Mieten nur um 1,6% erhöht, in Heidelberg blieben sie sogar unverändert.
Die aktuellsten und umfassendsten Daten zur Armutsgefährdung von Studierenden in Deutschland stammen vom Statistischen Bundesamt. Die neuesten Veröffentlichungen dazu basieren auf der Europäischen Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC). Laut den Daten des Statistischen Bundesamtes, veröffentlicht im August 2024 (basierend auf Daten für 2023 und teilweise 2021), sind über ein Drittel der Studierenden in Deutschland armutsgefährdet. Im Jahr 2021 lag dieser Anteil bei 37,9%. Besonders betroffen sind Studierende, die allein oder in Wohngemeinschaften leben. Von ihnen waren im Jahr 2021 gut drei Viertel (76,1%) armutsgefährdet. Für 2023 wird eine Armutsquote von 80,2% für allein lebende Studierende oder solche in Studierenden-WGs genannt. Die amtliche Armutsschwelle für Einzelhaushalte lag 2023 bei 1.314 Euro netto im Monat. Die Hälfte der Studierenden mit eigener Haushaltsführung verfügte im Schnitt über weniger als 867 Euro im Monat.
Obwohl keine spezifischen Zahlen für Berlin vorliegen, kann davon ausgegangen werden, dass die Situation in einer Großstadt wie Berlin, wo die Lebenshaltungskosten (insbesondere Mieten) über dem Bundesdurchschnitt liegen, für Studierende, die nicht von zu Hause unterstützt werden, tendenziell noch prekärer sein könnte.
Tobias Schulze, wissenschaftspolitischer Sprecher der Berliner Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, bringt die Situation folgendermaßen auf den Punkt: „Die dramatische Lage für Studierende auf dem Wohnungsmarkt ist nicht nur eine individuelle Katastrophe, sondern bedroht auch Studiengänge. Viele Studierende können in Berlin kein Studium beginnen, weil sie nichts zu wohnen finden, und entscheiden sich dann für andere Städte. Beim aktuellen Kürzungskurs des Senats stehen aber gerade nicht ausgelastete Studiengänge zur Disposition. Immobilienkapital kills Zukunft.“
Schulze kritisiert, dass der Neubau von Wohnplätzen zu langsam vorankommt: „Das vor knapp zehn Jahren selbst gesteckte Ziel von 5.000 zusätzlichen Wohnplätzen ist immer noch nicht erreicht.“ Er weist darauf hin, dass Bauprojekte des Studierendenwerks stocken, wie am Aristotelessteig, oder vom Senat ganz gestrichen wurden, wie in der Badenschen Straße an der HWR. Das Studierendenwerk brauche endlich mehr Rückhalt vom Senat.
Auch die fehlende Regulierung der Mieten im Bestand wird von Schulze scharf kritisiert. Da passiere unter Schwarz-Rot nichts mehr. „Dabei leiden besonders Menschen mit wenig Geld, also auch Studierende und Azubis, unter überteuerten Mieten und Abzocke – nicht zuletzt im möblierten Kurzzeitwohnen.“
Abschließend betont Schulze die gesamtgesellschaftliche Relevanz der Problematik: „Die Wissenschaft ist eine zentrale Produktivkraft unserer Stadt. Wenn Studierende und auch Wissenschaftler*innen nicht mehr hierherkommen können, weil das Wohnen unbezahlbar ist, hat das ernsthafte Konsequenzen für die Entwicklung Berlins.“
Desaströse Sparmaßnahmen
Die Sprecherin für Wohnen und Mieten der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Katrin Schmidberger, schlägt ebenfalls Alarm. Sie fordert umfassende Maßnahmen, um sicherzustellen, dass bezahlbares Wohnen nicht länger ein Privileg reicher Eltern bleibt und junge Menschen eine Zukunft in Berlin aufbauen können. Laut Schmidberger ist bezahlbarer Wohnraum für Studierende und Azubis nicht nur essenziell für ihre persönliche Entwicklung, sondern auch entscheidend für das Funktionieren der Stadt. „Es kann nicht sein, dass fast nur noch reiche Eltern ihren Kindern das Studium ermöglichen können“, so Schmidberger. Die Wohnkosten seien hier der entscheidende Hebel. Aktuelle Zahlen belegen die prekäre Lage: Trotz der Tatsache, dass rund 70% der Berliner Studierenden neben dem Studium arbeiten, reicht das Geld kaum für Miete und Lebensunterhalt. Etwa 40% verfügen über monatlich 800 Euro oder weniger, müssen aber eine durchschnittliche Miete von 452 Euro tragen.
Besonders kritisch bewertet Schmidberger die Kürzung von einem Drittel der Gelder (ca. 6,5 Millionen Euro) für das Studierendenwerk ab 2025. Diese Sparmaßnahme am wissenschaftlichen Nachwuchs werde Berlin in der Zukunft teuer zu stehen kommen. Statt zu sparen, müsse dem Studierendenwerk Planungssicherheit gegeben werden, um mehr Wohnheimplätze bauen und anmieten zu können. Das Ziel müsse sein, dass niemand wegen der Miete in Armut gerät und Mieten unter der BAföG-Wohnpauschale liegen.
Neben den Studierenden stehen auch Auszubildende vor großen Herausforderungen bei der Wohnungssuche. Schmidberger fordert daher ein Auszubildendenwerk nach dem Vorbild des Studierendenwerks, das sich auf die Schaffung von Wohnheimen konzentriert: „Wir brauchen dringend mehr Azubis, die ihr eigenes Leben führen können“. Sie warnt vor Zuständen wie in Italien, wo junge Erwachsene oft lange bei ihren Eltern wohnen bleiben müssen.
Die anhaltenden Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche und der Existenzsicherung führen bei vielen Studierenden zu einem Zustand der „permanenten Temporarität“. Diese wirtschaftliche Unsicherheit, Ausgrenzung und Vereinzelung sind typische Merkmale neoliberaler Ideologie, sie binden erhebliche kognitive und emotionale Ressourcen. Wenn die primäre Energie und Aufmerksamkeit einer Person durch das grundlegende Bedürfnis nach Unterkunft und finanzieller Stabilität sehr stark in Anspruch genommen wird, verringert sich ihre Fähigkeit, sich an übergeordneten Aktivitäten wie politischer Organisation oder anhaltendem Protest zu beteiligen, erheblich. Hier besteht eine direkte kausale Verbindung: Prekäre Lage bei Grundbedürfnissen reduziert die Kapazität für Aktivismus.
Dies steht allerdings im Gegensatz zu anderen aktuellen studentischen Mobilisierungen, wie den pro-palästinensischen Protesten an Berliner Universitäten im Mai 2024, die zu Räumungen durch die Polizei führten. Die Tatsache, dass Studierende in der Lage sind, sich für andere Anliegen zu mobilisieren und sichtbar zu protestieren, zeigt, dass die Kapazität für studentischen Aktivismus grundsätzlich vorhanden ist. Das geringe Ausmaß des Protests gegen die Wohnungsnot kann daher nicht auf eine allgemeine Unfähigkeit zur Organisation zurückgeführt werden. Die Kernfrage bleibt daher, welche Faktoren dazu führen, dass die Studierenden, obwohl sie von der Wohnungsnot stark betroffen sind, in dieser Frage nur sehr begrenzt kollektiven Widerstand leisten.
Die Wohnungsnot ist für Studierende nicht nur eine abstrakte ökonomische Herausforderung, sondern eine tägliche, oft zermürbende Realität, die tiefgreifende persönliche Auswirkungen hat. Die zunehmende Finanzialisierung von Wohnraum, bei der Wohnungen als Investitionsgüter und nicht als soziale Güter behandelt werden, verändert das Machtverhältnis zwischen Vermietern und Studierenden.
Diese systemische Verschiebung bedeutet, dass Marktmechanismen wie Angebot und Nachfrage sowie die Renditeerwartungen der Investoren die Preise diktieren und nicht der soziale Bedarf. Die Finanzialisierung erzeugt die Wahrnehmung, dass das Problem als eine ökonomische Realität und nicht als soziale Ungerechtigkeit, die durch politischen Protest beeinflusst werden könnte, erscheint. Wenn Studierende sich selbst die Schuld geben oder es als „Marktlage“ akzeptieren, richten sie ihre Wut nicht auf externe Ziele, was für Protest entscheidend ist. So wird das Thema entpolitisiert und lässt es wie einen individuellen Kampf gegen Marktkräfte, anstatt wie einen kollektiven Kampf gegen ausbeuterische Praktiken oder unzureichende Politik erscheinen. Dies kann zu einem Gefühl der Ohnmacht führen und die Protestmotivation dämpfen.
Neuer Aufbruch notwendig
Die Studierenden konkurrieren oft mit vielen anderen Bewerber/innen um knappe Wohnungen. Die Bewältigung dieser Situation beinhaltet oft das Zurückgreifen auf Familie und Bekanntenkreis, alte Kolleg/innen oder Freund/innen. Einige akzeptieren auch äußerst unangenehme Wohnsituationen oder häufige Umzüge. Der Stress und die Ungewissheit der Wohnungssuche wirken sich erheblich auf die psychische Gesundheit aus. Die gemischten Ergebnisse und das teilweise Scheitern großer Wohnungsbewegungen in Berlin, wie die Abwicklung des „Mietenvolksbegehrens“ in Form eines Abfanggesetzes, der nicht bindende Charakter des Volksentscheids „Deutsche Wohnen & Co. Enteignen“ und schließlich die Aufhebung des „Mietendeckels“ durch das Verfassungsgericht in Karlsruhe, tragen wahrscheinlich zusätzlich zu einem geringen Gefühl der Gruppenwirksamkeit unter Studierenden bei. Wenn selbst große stadtweite Bewegungen Schwierigkeiten haben, bindende, dauerhafte Veränderungen gegen mächtige Marktkräfte und politischen Widerstand zu erzielen, können Studierende zu dem Schluss kommen, dass ihre kleineren Proteste noch weniger wirksam wären, was zu Demotivation führt.
Es bleibt realistischerweise jedoch kein anderer Weg, als wieder aufzustehen, aus der Vergangenheit zu lernen und es beim nächsten Mal besser zu machen. Die Studierenden und ihre Interessenvertretungen in den verfassten Studierendenschaften müssen sich klar darüber werden, dass soziale Errungenschaften wie das Menschenrecht auf angemessenen und bezahlbaren Wohnraum einst politisch erkämpft wurden und verteidigt werden müssen, und sie – trotz ihrer heterogenen Zusammensetzung – wieder ein gemeinsames Narrativ schaffen müssen, um über einen Appell an grundlegende Gemeinsamkeiten, über klare Forderungen hin zu Formen eines kollektiven Widerstands in der so drängenden Wohnungsfrage zu kommen.
Alleine werden die Studierenden das nicht schaffen. Nur der Schulterschluss mit anderen Akteuren auf dem wohnungspolitischen „Schlachtfeld“ kann die Voraussetzungen schaffen, um die Lage der Studierenden am Wohnungsmarkt zukünftig verbessern zu können.