Je größer die Probleme, desto dreister die Forderungen: Kliniken schließen, Betten abbauen, Schluss mit Familienversicherung, „Kontaktgebühr“ beim Arzt, „altersbezogene Leistungsausschlüsse“, „Basissicherung“, „mehr Wettbewerb“. Mit ihrem Positionspapier „Für eine leistungsfähige und finanzierbare gesetzliche Krankenversicherung“ hat die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) Ende Oktober einen regelrechten Horrorkatalog vorgelegt. Jede noch so abseitige Maßnahme soll helfen, „Beitragssätze und damit Lohnzusatzkosten“ zu begrenzen, um „Investitionen, Wachstumschancen und Arbeitsplätze“ zu erhalten. Was bliebe, wäre eine Rumpfversorgung. Wer mehr will, muss draufzahlen, sich extra privat absichern. Wer das nicht kann, wird krank, bleibt krank, stirbt eher. Der ehemalige Präsident der Bundesärztekammer, Karsten Vilmar, sprach einmal von „sozialverträglichem Frühableben“ und meinte das sarkastisch. Das Kapitallager meint es jetzt ernst damit. Das Schlimme ist: Die Ideen sind längst politisch anschlussfähig, beziehungsweise „regierungsfähig“. In den Reihen von CDU/CSU sowieso, bei der SPD mit Abstrichen und, na klar, mit Bauchschmerzen. Angesichts der in massiven Finanznöten steckenden Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ist offenbar jedes Mittel recht, das verspricht, die Kosten zu drücken, und die Beiträge nicht ins Uferlose steigen zu lassen. Aber für das kommende Jahr wird bereits fest mit der nächsten Erhöhung der Zusatzbeiträge über die gängigen 2,9% hinaus gerechnet. Und Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) liebäugelt mit einer Neuauflage der Praxisgebühr, die vor 13 Jahren unter anderem deshalb abgeschafft wurde, weil sie Geringverdiener von medizinischen Behandlungen abschreckte. Laut BDA müsse die Abgabe nicht, wie früher, quartalsweise fällig werden, sondern bei jedem „Arzt- und Ambulanzkontakt“. Man kann sich die beschworene „Steuerungswirkung“ vorstellen: ohne Umweg in die Notaufnahme, und Warken stellt den Totenschein aus.
