In Deutschland regiert die Angst. Deutschlands politische Ökonomie befinden sich im Umbruch. Umbrüche brechen jedoch auch Menschen, vor allem die, die ihren Lebensunterhalt aus eigener Lohnarbeit und nicht aus Miet- und anderen Kapitaleinnahmen bestreiten. Das gesellschaftliche Klima war schon vor Coronakrise und Ukrainekrieg nicht rosig. Bis zur Pandemie war noch die Angst vor Statusverlust vorherrschend. Sie steht im Zusammenhang mit der vierten industriellen Revolution. Digitalisierung und künstliche Intelligenz könnten, wären sie gesamtgesellschaftlich und demokratisch geplant, große Freiheitspotenziale freisetzen. Unter den Bedingungen von Privateigentum und Diktat der Profitmaximierung wird aus Segen Fluch: Heute müssen nicht mehr nur Industriearbeiter/innen, sondern auch Ärzt/innen, Psycholog/innen, Anwält/innen, Software-Programmierer/innen, Webdesigner/innen, Übersetzer/innen, Journalist/innen und Werbetexter/innen befürchten, dass ihre Jobs in 10-15 Jahren überflüssig sein werden. In Kombination mit der auswärtigen Konkurrenz und dem Umbau des alten Sozial- in den sanktionierenden Workfare-Staat, der die erwerbslosen Arbeiter bestraft, um alle Erwerbstätigen unter Druck zu setzen, bildet diese Revolution der Produktivkräfte einen tödlichen Cocktail. Das Ende der russisch-europäischen Energiesymbiose, die daraus resultierende Inflation, Industrieabwanderung, Negativwachstum und Einkommensverluste vergrößern die Angst. Deutschlands exportorientiertes Wachstumsmodell beruhte auf mehreren Faktoren. 1.) Wirtschaftliche Dominanz in Europa, die Resteuropa tendenziell deindustrialisierte und den deutschen Konzernen auch als Sprungbrett in die Welt diente. 2.) Spaltung und Segmentierung der Arbeiterklasse in eine schwindende Stammbelegschaft in den transnationalisierten Konzernen und ein wachsendes Heer von prekären Zeit-, Leih- und Werkvertragsarbeiter/innen, sowie einen ausufernden Niedriglohnsektor, die dem Kapital „atmende“ Arbeitsmärkte und „Resilienz“ versprachen. 3.) Einer geringen inländischen Investitionsquote und einer Schuldenbremse in Deutschland, die schon bis 2019 zu einem Investitionsstau von 450 Milliarden Euro führte. 4.) Einer multilateralen Globalisierung, die Deutschland von den Binnenmärkten sowohl der USA als auch Chinas gleichermaßen abhängig machte und sowohl auf die US-Konsument/innen als auch die 770 Millionen Chines/innen hoffen ließ, die in den letzten zwei Jahrzehnten aus der extremen Armut in die Einkommensmittelklassen aufgestiegen sind.


