Das über Jahrzehnte organisch gewachsene System des Wiener Wohnbaus ist für Außenstehende nur schwer zu durchschauen. In diesem Geflecht aus Magistratsabteilungen und Tochtergesellschaften der Stadt sind viele Akteur/innen am Werk, vom wohnfonds_wien, der die vorausschauende Liegenschaftspolitik für den geförderten Wohnbau betreibt, bis zum Wohnservice Wien, der den Zugang zu den begehrten Gemeindewohnungen regelt. Das deutsche Fachmagazin ARCH+ wählte in seinem Heft zum Wiener Wohnbau die Überschrift „Mama Wien“. Ein augenzwinkernder Hinweis auf den fürsorglichen Maternalismus, der das Handeln der Stadt prägt: Wir versorgen euch, und ihr seid dafür dankbar. In diesem „Wir“ sind Stadtregierung, Stadtverwaltung und Sozialdemokratische Partei oft nur schwer zu unterscheiden, und das ist durchaus beabsichtigt.
Einer der wichtigsten Player in diesem System ist das stadteigene Unternehmen Wiener Wohnen, das die gemeindeeigenen Wohnhausanlagen verwaltet, saniert und bewirtschaftet. In Summe kümmert sich diese Hausverwaltung um 220.000 Gemeindewohnungen, 5.129 Geschäftslokale und über 47.000 Stellplätze. Insgesamt 13.000.000 qm Wohnnutzfläche für 500.000 Bewohner/innen, ein Viertel der Gesamtbevölkerung Wiens.
Besonders stolz ist man darauf, bereits 1989 „als einzige Weltstadt“ die Mitbestimmung der Mieter/innen in einem Statut festgeschrieben zu haben. Diese wird in Form von Mieterbeiräten umgesetzt, die heute rund 800 Personen umfassen. 2009 wurde die Vereinigung der Wiener Mieterbeiräte (WMBR) gegründet, ein weiterer Knoten im Netzwerk von „Mama Wien“. 2015 wurde das Mitbestimmungsstatut von der Stadt Wien überarbeitet. Dabei wurde die Möglichkeit der Mitbestimmung für Jugendliche verstärkt, der Geltungsbereich des Statuts gleichberechtigt auf alle Hauptmieter/innen (anstatt nur auf einen pro Wohneinheit) ausgeweitet und die Funktionsperiode des Mieterbeirats von 3 auf 4 Jahre verlängert.
„Mama Wien“ sorgt für euch,
also seid dafür auch dankbar.
Klingt sinnvoll, und war auch Anlass für reichlich Selbstlob seitens der Stadt. Doch nicht alle Mietervertreter/innen waren über die Neuerung glücklich, manche gaben ihre Funktion zurück. Denn ein Passus schränkt ihr Mitbestimmungsrecht ein: „Grundsätzliche Unternehmensentscheidungen, die aus sicherheitstechnischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten von der Hausverwaltung oder der Stadt Wien getroffen werden, gelten für alle Wohnhausanlagen und sind nicht Gegenstand der Mitbestimmung.“
Manche orteten dahinter die Motivation, allzu engagierte Mietervertreter/innen, die sich Fachwissen angeeignet haben und genau hinschauen, auf Distanz zu halten. Auch die personelle Nähe des WMBR zur SPÖ stellte für manche einen Widerspruch zur Selbstbezeichnung als „unabhängige und überparteiliche Organisation“ dar. Eine besondere Affinität zur Eigeninitiative seitens ihrer Bevölkerung lässt sich der Stadt Wien in der Tat nicht nachsagen. Mama Wien behält gerne die Kontrolle, und das bedeutet heute auch mehr denn je: message control gegenüber der Öffentlichkeit.
Dekarbonisierung wird zur Herkulesaufgabe
Für eine der größten Aufgaben, die dem System Wohnbau in den nächsten Jahren bevorstehen, ist die Kontrolle über ein Viertel des Wiener Wohnungsbestandes jedoch von Vorteil: die Dekarbonisierung, das heißt die Umstellung auf erneuerbare Energien. Während Hausverwaltungen im freifinanzierten Wohnbau mit jedem Wohnungseigentümer verhandeln müssen, kann die Stadt bei ihren Gemeindebauten bei „Raus aus Gas“ (so das offizielle Motto) aufs Gaspedal drücken.
Der Klimafahrplan der Stadt hat die Klimaneutralität bis 2040 im Auge. Für deren Umsetzung wurden sogenannte Energieraumpläne beschlossen, die die Umstellung auf klimaschonende Energieversorgung genau festlegen. Seit 2023 ist der Einbau von Gasthermen im Neubau in allen 23 Wiener Bezirken untersagt. Auch die energetische Sanierung des enormen Bestandes läuft bereits, derzeit bei 14.000 Gemeindewohnungen. Hier spielt Wiener Wohnen mit seiner Zuständigkeit für die Infrastruktur eine Schlüsselrolle. Dabei wird unter anderem mit Prämien und Förderungen daran gearbeitet, dass die Kosten dieses Energie-Kraftakts nicht den Mieter/innen aufgebürdet werden.
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