Auch in Schöneberg kommen Profitinteressen im grünen Mäntelchen daher
Der Schöneberger Gasometer, ein Wahrzeichen des Bezirks auf der „Roten Insel“ an der Torgauer Straße, wurde 1995 stillgelegt. Das luftige Gerüst ist von weit her zu sehen – doch mit dem Anblick wird es bald vorbei sein. Die GASAG verkaufte den Gasometer 2007 an den privaten Vorhabenträger Reinhard Müller. Dieser ließ rings um das denkmalgeschützte Metallgerippe Gewerbegebäude errichten und betreibt dort den 5,5 Hektar großen EUREF-Campus, ein selbsternanntes „Reallabor der Energiewende“. In den ansässigen Unternehmen arbeiten etwa 3.500 Menschen. Nun möchte Müller auch im Inneren des Gasometer Büroräume für weitere 2.000 Arbeitsplätze bauen. Der Campus gehört zu den elf vom Land Berlin geförderten „Zukunftsorten“.
In seinem 2011 erschienenen Buch „Korrupt? Wie unsere Politiker und Parteien sich bereichern – und uns verkaufen“ hat der Journalist Mathew Rose dem EUREF und Reinhard Müller ein 32-seitiges Kapitel unter der Überschrift „Das erste Privatenergie-Universitäts-Partyzelt der deutschen Hauptstadt“ gewidmet. EUREF steht für „Europäisches Energie Forum“ und Rose beschreibt, wie es dem „Baulöwen“ und SPD-Mitglied Müller gelang, mit daherfabulierten Geschichten einer vermeintlich geplanten Energie-Universität nicht nur SPD-Politiker wie beispielsweise Frank-Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel als Unterstützer zu gewinnen, sondern auch den ehemaligen CDU-Umweltminister Klaus Töpfer und den Ex-Außenminister Joschka Fischer (Grüne). Mit ins Boot holte er zeitweilig Immobilienentwickler wie Klaus Groth (Berlin) oder Andrej Ogirenko (Moskau) sowie die ZEIT-Stiftung. Die Universitäts-Pläne zerschlugen sich, stattdessen entwickelte Müller ein Innovationszentrum auf dem Gelände. Es war ihm gelungen, einen Großteil der früheren Brache für eine Million Euro, etwa 25 Euro pro Quadratmeter zu erwerben. Unter dem damaligen Baustadtrat Bernd Krömer (CDU) wurde die vorläufige Planreife für die ersten Gebäude festgestellt, womit sich der Grundstückswert vervielfachte. Die Ausweisung als Kerngebiet im Bebauungsplan wird die geschaffenen Fakten besiegeln.Von einem „exklusiven EUREF-Golfcup in Wannsee“ mit anschließendem Barbecue von Spitzenköchen berichtete die Berliner Morgenpost am 1. September 2020. Reinhard Müller hatte „unter anderem Altkanzler Gerhard Schröder, den ehemaligen Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und die beiden Ex-Senatoren Peter Strieder (SPD) und Jürgen Klemann (CDU)“ eingeladen. Der frühere Berliner Bausenator Peter Strieder sitzt heute im Aufsichtsrat der EUREF AG. Der Tagesspiegel mutmaßte im Sommer, auch Tesla könne mit seiner Europa-Filiale in den Gasometer ziehen. Der US-amerikanische Konzern des Paypal-Gründers Elon Musk hat im Juni im brandenburgischen Grünheide – gegen vielfältige Proteste – mit dem Bau einer Fabrik begonnen, in der pro Jahr eine halbe Million Elektroautos produziert werden sollen. Für diese wurden bereits 90 Hektar Wald abgeholzt, weitere 100 Hektar sollen folgen. Der Wasserverband fürchtet Engpässe aufgrund des enormen Wasserverbrauchs der Fabrik.Am 24. September stellte der Tagesspiegel klar, Tesla wolle zwar nach Berlin kommen, aber nicht ins EUREF. Immerhin zwei Tesla-Manager eröffneten am 10. September gemeinsam mit Reinhard Müller und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) auf dem EUREF-Gelände ein Schnellladegerät für Elektroautos – allerdings nur für Teslas, nicht für andere Marken, wie die Berliner Morgenpost mitteilte. Begleitet wurde Altmaier von der Berliner Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne), die in einem begeisterten Tweet Tesla als „Pionier der Energiewende“ lobte.Seine Neubauten lässt Müller mit dem US-amerikanischen LEED-Ökosiegel auszeichnen (MieterEcho381/Juni 2016). Der Bauzaun an der Torgauer Straße ist großflächig mit Parolen der neuen Stadtmarketing-Kampagne #wirsindeinberlin gepflastert. Für die Senatsverwaltung für Wirtschaft ist das EUREF ein „Referenzort für die Smart City-Strategie des Landes“ (MieterEcho 398/Oktober 2018). Dort würde „tagtäglich der Beweis erbracht, dass die Energiewende machbar und finanzierbar ist“. Der Campus erfülle „bereits seit 2014 die CO2-Klimaziele der Bundesregierung für das Jahr 2050“. Aber wie kann das EUREF-Gelände ein Beispiel für zukünftig klimagerechtes städtisches Leben sein? Es ist kein Wohnort, keine Nachbarschaft, sondern ein Technologiezentrum mit überwiegender Büronutzung. Spricht nicht der ausgeprägte Fokus auf Digitaltechnologien eher für unüberschaubare Folgekosten hinsichtlich Ressourcen- und Energieverbrauch? Aus der Nachbarschaft gibt es Proteste, und angesichts der drohenden Baumaßnahmen hat sich eine Initiative von Anwohner/innen zusammen gefunden. Schon nach der Privatisierung des Gasometers hatte sich eine Bürgerinitiative gegründet, die das Vorhaben kritisierte (MieterEcho 330/Oktober 2008). Die neue BI „Gasometer retten“ hat einen Offenen Brief mit etwa 60 Unterschriften an Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) und Baustadtrat Jörn Oltmann (Grüne), sowie an die Denkmalbehörden auf Landes- und Bezirksebene geschrieben. Sie bitten dringend darum, keinen Änderungen an dem bisher vorliegenden Bebauungsplanentwurf zuzustimmen. Dieser sieht vor, dass der Gasometer so ausgebaut werden darf, dass die obersten drei Ringe, und damit die beiden oberen Felder frei bleiben.



